Lunar Society
Österreich 2011 4 min

Vollmondnächte in der tibetischen Hauptstadt: In Lhasa, 3600 Meter über dem Meeresspiegel, scheinen die Farben erst nach Einbruch der Dunkelheit zu ihrem Recht zu kommen. Die von buntem Wechsellicht bestrahlten Springbrunnen vor dem Potala-Palast schießen ihre Fontänen dem fernen, kalten Weiß des Erdtrabanten entgegen. Giftfarbenes Licht fließt und pulsiert auch in den Neonadern, die als Dekoration an einer Hausmauer verlaufen; sogar das Geländer einer grün bestrahlten Brücke schimmert in hellem Gelb, während anderswo rotes, grünes, violettes Licht unaufhörlich durch LED-Ketten gepumpt wird. Manfred Neuwirths „Lunar Society“ ist eine kleine city symphony von gerade vier Minuten Laufzeit, ein Videoclip zum gleichnamigen Musikstück des Wiener Duos Modell Doo. Die Mondgesellschaft, das war ein Gelehrtenkreis im britischen Birmingham, gegründet 1765, der nur bei Vollmond zusammenkam, um die anschließende Heimfahrt nicht in stockdunkler Nacht antreten zu müssen. „Lunar Society“ feiert, ganz im Geist der intellektuellen lunarticks von einst, den Tanz des Licht, des Wassers und der Farbe.

Manfred Neuwirth setzt der Launenhaftigkeit des aus Electro-Knistern, Sampling-Stimmen, Piano-, Schlagzeug- und Chorfragmenten komponierten Songs die visuelle Stabilität hochdefinierter Bilder und intensiver Farbspiele entgegen, spielt mit dem Schärferegler, produziert optische Täuschungen und verschwimmende Konturen und kommt nach zweieinhalb Minuten sich unmerklich entschleunigender Inszenierung fast zum Stillstand, zu Bildern, in denen Lichtinseln kaum mehr wahrnehmbar zucken und zittern – nur um im Finale die Geschwindigkeit noch einmal hochzufahren und zu den Wasserfontänen vor dem Palast zurückzukehren, die mit ungeahnter Gewalt in den schwarzen Himmel über Lhasa gedrückt werden. Am Anfang dieses Films rast der abendliche Verkehr im Zeitraffer über eine weitläufige Kreuzung, und am Ende bricht die Finsternis in kaum 20 Sekunden über die Stadt herein. Die Kamera blickt aus der Entfernung, von einem trägen Fluss aus, auf die erleuchteten Wohnblocks am Rande der Stadt. Der Mond lässt sich nicht blicken.